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Adressat unbekannt verzogen PDF Print E-mail
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Buchempfehlung
Written by Peter Böhm   
Tuesday, 26 May 2009 19:04
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 Buchtipp: Adressat unbekannt verzogen

 von Kressmann Taylor,  Hoffmann&Campe, TB rororo, 4,90

Dieses Buch sollte unbedingt einer riesigen Leserschaft zugänglich gemacht werden. Elke Heidenreich besteht darauf, dass ein jeder diese kleine Büchlein - in einer guten Stunde gelesen - mit sich herumträgt.

„Adressat unbekannt“ erschien bereits 1938 in den USA. Die Autorin Kressmann Taylor war damals Werbetexterin und stieß durch Zufall auf Briefe, die aus dem Briefkontakt eines Deutschen mit einem in den USA lebenden Juden stammten. Diese Briefe dienten ihr als Impuls die Gefühle tausender Menschen in einem dünnen Buch zu verarbeiten, dass all das Grauen der Nazigeneration aufdeckt, ohne auch nur einmal zu urteilen. Es bleibt dem Leser voll und ganz selbst überlassen, sich sein Bild des 2. Weltkriegs und der Menschen damals zu schaffen.

Kressmann Taylor hat für ihr Buch auf einen eigenwilligen Stil zurückgegriffen. Hier gibt es keine Erzählfigur, um es genau zu nehmen, haben wir noch nicht mal einen Protagonisten. Was dem ähnlich kommt sind Martin Schulse und Max Eisenstein. Sie stehen in Briefkontakt zueinander. Sind enge Freunde und besitzen gemeinsam eine Kunstgalerie in den Staaten. Als Martin Anfang der 30er Jahre nach Deutschland zurückkehrt, bleiben die Freunde in regem Briefkontakt. Dieser geht weit über das Geschäftliche hinaus. Doch der Wandel der sich in Deutschland vollzieht, geht auch an den beiden nicht spurlos vorüber und so müssen sie ihre Freundschaft bald in einem ganz anderen Licht betrachten.
Der gesamte Inhalt erschließt sich nur aus Briefen, es gibt dazwischen keinerlei Erzählpassagen.

Was genau geschieht hier zu verraten wäre ein Verbrechen am zukünftigen Leser, die es hoffentlich in großer Menge geben wird.
Ich verrate nur noch, dass der Schluss von Grausamkeit und Genugtuung geprägt ist – die mir als Leser die Tränen in die Augen trieb.
Tränen in den Augen hatte ich in der halben Stunde, die es bedarf dieses Buch zu verschlingen, mehr als einmal. Fast hätte ich wieder die Scham verspürt Nachkomme einer solchen Gesellschaft zu sein, aber dann wurde mir wieder klar, dass diese Geschichte die unseres Landes aber nicht mehr der Menschen ist.

Dem Buch wurde ein Vorwort von Elke Heidenreich hinzugefügt. Dieses zu lesen würde ich dringend abraten, da es bereits die gesamte Handlung vorweg nimmt und analysiert. Als Epilog jedoch ist es eine angenehme Stütze, das gerade Gelesene zu verdauen.
Dieses Vorwort wurde meines Wissens erst der brandneuen Taschenbuchausgabe, die dieses Jahr erschienen ist, beigefügt, und kann somit in älteren Ausgaben fehlen.

Wer sich einmal mit diesem Buch auseinander gesetzt hat, wird es wieder lesen wollen, denn darin verbirgt sich soviel Unfassbares, dass man beim ersten Lesen oftmals blind übersieht, das einem bei genauerem Hinsehen aber regelrecht entgegenschreit.

Das Buch umfasst gerade mal 60 Seiten, aber Diskussionsstoff für mehrere Stunden. Der Einband ist in schwarz-weiß gehalten, und als Titelmotiv dient das Foto eines Briefes an Mr. Martin Schulse. Diese Aufmachung ist sehr geschmackvoll und wie ich finde auch dem Thema gebührend.

 

Last Updated on Wednesday, 10 June 2009 19:51
 
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